Zum Gedenken an Dr. Egon Krüger
Der Förderverein des Museums der Stadt Pasewalk trauert um sein Ehrenmitglied Egon Krüger. Der promovierte Chemiker, Lehrer und wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Greifswald war nicht nur Gründungsmitglied des Fördervereines, sondern auch ein fundierter Kenner der Geschichte des jüdischen Lebens der Stadt Pasewalk. Am 16. Mai ist er im Alter von 89 Jahren verstorben.
Geboren im hinterpommerschen Denzig, heute in Polen gelegen, ging Dr. Egon Krüger als Achtjähriger im Februar 1945 mit seiner Familie auf die Flucht. Endstation war vorläufig die Insel Rügen. Nach Pasewalk kam er nach dem Studium der Chemie und Biologie an der Universität Greifswald und war hier bis 1985 am heutigen Gymnasium Lehrer. Während seiner Zeit als Lehrer erfuhr er in den 1960-er Jahren vom Schicksal der in Pasewalk im 19. und 20. Jahrhundert angesehenen jüdischen Gießerei-Familie Behrendt. Zwar erinnerte in der Stadt ein Gedenkstein an den engagierten Fabrikanten und Kommunalpolitiker, aber über Pasewalks jüdisches Leben insgesamt war in der Stadt wenig bekannt. Kaum jemand wusste, dass die Stadt einst mit rund 300 Juden, die mehr als fünf Prozent der Einwohner ausmachten, die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Pommern besaß. Als Kaufleute, Händler, Ärzte, Unternehmer prägten sie das städtische Leben bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten 1933. Dann wurden sie verfolgt und diskriminiert, schließlich ermordet. Die letzten Pasewalker Juden wurden am 12. Februar 1940 deportiert.
Ermuntert von seinem damaligen Schuldirektor, sich diesem Kapitel der Stadtgeschichte auch für Bildungszwecke zu widmen, begann Dr. Egon Krüger, das Leben und Wirken der jüdischen Mitbewohner als Teil der Stadt- und Lokalgeschichte zu dokumentieren. Diese Forschungsarbeit wurde über Jahrzehnte seine Passion.
Ab 1985 war Dr. Egon Krüger als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Medizinischen Fakultät an der Universität Greifswald tätig. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2002 intensivierte er seine Forschungen zur jüdischen Stadtgeschichte. In einem Bericht sagte er: „Bevor es die nächste Generation vergisst“.
Angesichtes seines Wissens um das Schicksal vieler jüdischer Familien setzte er sich schließlich für das Gedenken an die jüdischen Mitbürger in Pasewalk ein, die im Holocaust ermordet wurden. 2005 wurden in der Stadt als ersten Ort Vorpommerns die ersten „Stolpersteine“ verlegt, kleine Plaketten vor den Wirkungsstätten der Juden mit deren Namen und Daten. Er initiierte in den folgenden Jahren mit, dass im Pasewalker Stadtgebiet bis heute 78 Stolpersteine in Erinnerung an das Leben, Wirken und Sterben der jüdischen Mitbürger verlegt wurden. Darüber hinaus hinterlässt er mit seinen Büchern „Jüdisches Leben in Pasewalk (2009), „Zur Geschichte der jüdischen Bürger in Pasewalk“ (2017) und „Stammbäume jüdischer Familien in Pasewalk“ (2020) der Nachwelt detaillierte Chroniken über Pasewalks jüdische Familien, ihr Wirken, ihre Wohnorte und ihre Verdienste. Ihr Leben wird in einer Fülle von Archivmaterial mit Fotos, Briefen, Dokumenten, Annoncen dokumentiert. Im Zusammenhang mit seinen Recherchen pflegte er sehr bald enge Kontakte zu jüdischen Nachfahren in der ganzen Welt.
Im November 2018 wurde ein Gedenkstein auf Krügers Initiative hin in Zusammenarbeit mit der Kirche und der Stadt unweit der einstigen Synagoge eingeweiht. Er ergänzt eine bereits 1988 enthüllte Gedenktafel in der Marktstraße, die dort anlässlich des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht unweit der einstigen Synagoge enthüllt worden war.
Dr. Egon Krügers Wirken fand allgemeine Anerkennung. Im September 2017 wurde er in das Ehrenbuch der Stadt Pasewalk aufgenommen. 2019 erhielt er den „German Jewish History Awards“ der Obermayer-Stiftung der Vereinigten Staaten. Im Januar 2026 wurde Dr. Egon Krüger schließlich Ehrenmitglied des Fördervereins des Museums der Stadt Pasewalk. „Diese Auszeichnung erfolgt in Anerkennung und Würdigung der langjährigen, außergewöhnlichen und zuverlässigen Verdienste um den Verein und die damit einhergehende Verantwortung für die gesellschaftlich bedeutsame historische Aufarbeitung und Vermittlung der Geschichte der Stadt Pasewalk“, heißt es in der Begründung des Vereines.
Bei der Verlegung der Stolperschwelle am Bahnhof Pasewalk 2025, die an den 12. Februar 1940, der letzten Deportation von 13 Juden aus Pasewalk erinnert, konnte Dr. Krüger nicht dabei sein. Krankheit verhinderte das. Auch die digitale Version der Stolpersteine, vorgestellt im Februar 2026, erlebte er nicht mehr unmittelbar mit.
Irene Black, eine Enkelin von Paul Behrendt, würdigte Krügers Arbeit einst mit den Worten, sie sei „von unschätzbarem Wert für die Vermittlung der Geschichte der Juden in Deutschland gegenüber der Nachkriegsgeneration“.
Dr. Egon Krüger konnte stundenlang und detailreich erzählen, wenn er Besucher durch Pasewalk führte und auf das hiesige jüdische Leben einging. Gerne gab er dann auch eine jüdische Weisheit wieder: „Solange der Name genannt wird, ist der Mensch nicht gestorben.“ Das trifft auch auf ihn zu.
Egon Krüger wurde am 5. Juni auf dem Pasewalker Friedhof beigesetzt.
Der Förderverein des Museums der Stadt Pasewalk wird ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.
Pasewalk, im Mai 2026